13.01.2014

Leserbrief zu den Veränderungsplänen für den Stephanplatz

Wir Karlsruher Bürgerinnen und Bürger sollten die Diskussion um die künftige Nutzung des Stephanplatzes und den Verbleib der Karl-Apotheke doch mal positiv sehen und stolz auf unsere Stadtverwaltung sein, die sich mit ihrem Vorgehen zwei außerordentlich begehrte Auszeichnungen verdient hat:

Die erste Auszeichnung mit dem Namen „Abstruse Stadtplanung“ wird nicht gerade häufig, aber im vorliegenden Falle völlig zu recht verliehen. Der, wie Frau BM Mergen treffend feststellt, „untergenutzte Platz“ muss unbedingt bebaut werden, damit die kaum besuchten Wochenmärkte und die unbeliebten Antik- und Flohmärkte auf andere Plätze verwiesen und die von Fußgängern und Radfahrern wenig genutzten Nord-Süd- und Ost-West-Achsen zugebaut werden können. Ach richtig, da ist ja noch der grässliche, total unbrauchbare Jugendstilbrunnen und die unnötige Terassenbewirtschaftung – beides verlangt

konsequente Minimierungs- oder Beseitigungsmaßnahmen. Nicht zu vergessen, der freie Blick auf die völlig reizlose Fassade der Postgalerie sollte unbedingt verbaut werden, denn Karlsruhe hat ohnehin eine überbordende Zahl an historischen Gebäuden. Dass dabei ein Gebäude mit Gropiusvergangenheit
verschwindet, ist nur folgerichtig.

Für sein wegweisendes Handeln erhält Karlsruhe eine zweite Auszeichnung, verliehen für erfolgreiches politisches Handeln zur Demoralisierung von Unternehmen. Die äußerst geschickte Entscheidung der städtischen Verwaltung, eine relativ kurzfristige Kündigung großzügig in eine zweijährige unternehmerische Hängepartie zu überführen, genießt höchste wirtschaftsliberale Anerkennung. Nur so können Unternehmer und MitarbeiterInnen zur zukunftssichernden beruflichen Flexibilität und privaten Kreativität bis hin zur Selbstaufgabe geführt werden. Die Kunden werden zudem animiert, nicht länger sentimental und irrational an „Lieblings“-Läden und -Apotheken zu kleben, sondern sich vertieft mit der lokalen Wettbewerbssituation auseinanderzusetzen und zur Stärkung bundesweiter Kettenläden auch missliebige Angebote zu akzeptieren.

Karlsruhe als aufstrebende Wirtschaftsmetropole braucht keine „Apotheken mit Herz“, sondern Investoren, die sich nicht durch gewachsene kommunale Strukturen und Interessen der BürgerInnen aufhalten lassen, sondern die mit Fortschrittselan ihre Bedeutung deutlich sichtbar und nachhaltig in Beton gießen.

Freuen wir uns auf eine stilvolle Preisverleihung mit illustren Gästen und Prominenz aus Politik und Baumafia!

Lutz Mertins

Leserbrief erschien auch in den BNN

Die Haltung der Freien Wähler, was den Erhalt des Stadtbildes betriff, ist wohl bekannt...